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15.04.2026

»Erfüllt unsere Forderungen!«

Arbeiteraufstand in Indien

Seit dem 13. April tobt ein massenhafter Arbeiteraufstand in den südlichen Industriegebieten Delhis. Einerseits direkt gegen die Teuerungen aufgrund des Iran-Kriegs, andererseits war es seit Jahresbeginn in den Industriezentren immer wieder zu Arbeiterprotesten gekommen. Sie forderten kürzere Arbeitszeiten, höhere Mindestlöhne, höhere Überstundenzuschläge, ausstehende Lohnzahlungen und gleiche Arbeitsbedingungen für Leiharbeiter wie für Festangestellte.

Die Vorgeschichte: Gelbhelme und Teuerung

Zwischen Januar und März 2026 fanden mindestens 28 größere Streiks und Arbeiterproteste in ganz Indien statt, die meisten auf Industriebaustellen. Eine Broschüre des Migrant Workers Solidarity Network dokumentiert diese Bewegung als »Gelbhelme«, weil es sich meistens um Bau-, Öl- und Stahlarbeiter mit gelben Helmen handelt. Sie forderten vor allem ausstehende und höhere Löhne sowie mehr Sicherheitsvorkehrungen und kürzere Arbeitszeiten, maximal acht Stunden pro Tag. Zum Beispiel gingen in Panipat nach einem Arbeitsunfall mit zwei toten Arbeitern 30.000 Leiharbeiter der größten indischen Ölraffinerie auf die Straße, bewarfen Sicherheitskräfte mit Steinen und beschädigten deren Fahrzeuge. In Hazara streikten mehr als 2000 Stahlarbeiter und bezogen sich direkt auf den Kampf der Raffineriearbeiter in Panipat. Die Forderungen nach höheren Löhnen und einem Acht-Stunden-Tag wirkten mobilisierend vor allem auf Bauarbeiter, aber auch in die Textil- und Energieindustrie hinein ‐ in Gujarat traten bei Alok Textiles und in Mundra die Beschäftigten des größten indischen Kohlekraftwerks in den Streik.

Durch den Iran-Krieg wurde in Asien eine Energiekrise ausgelöst, die die indischen Arbeiter direkt trifft. Die Gehälter der Wanderarbeiter reichen nun noch weniger zum Überleben, weil der Preis für LPG, das von Arbeitern zum Kochen verwendet wird, stark gestiegen war. Lokale Regierungen hatten versprochen, die Mindestlöhne mit Wirkung zum 1. April 2026 um 35 Prozent anzuheben, aber das geschah entweder nicht oder die Anhebung war viel zu gering.

Schon im März, kurz nach dem Beginn des Iran-Krieges, begannen tausende Krankenschwestern im südlichen Bundesstaat Kerala einen Streik für eine Verdopplung des Mindestlohns. Am 3. April demonstrierten Honda und Scooter India Arbeiter in Manesar für höheren Mindestlohn.

Aufstand in Noida

Am 8. April gesellten sich die Arbeiter in Noida dazu, einer 650.000-Einwohner Vorstadt von Delhi. Noida zählt mit Tausenden von Industriebetrieben unter anderem in der Autozuliefer- und Elektronikbranche zu den größten Industriezentren Asiens. Die Arbeiter forderten die 35-prozentige Erhöhung. Eine Woche lang wurden sie ignoriert.

Am 13. April explodierte ihre Wut. 40.000 bis 45.000 Arbeiter gingen auf die Straße. »Fabrikarbeiter aus Dutzenden Betrieben im Industriegebiet von Noida protestierten am Montag gewaltsam, um bessere Löhne und Arbeitsbedingungen zu fordern. Dabei warfen sie Steine, zerstörten Fahrzeuge und setzten mehrere davon in Brand« schrieb The Indian Express. In vielen Situationen musste die eingesetzte Polizei flüchten. Auf Videos, die Arbeiter selbst u. a. auf Instagram hochluden, sieht man eine Demo durch eine Fabrikhalle ziehen, die Arbeiterinnen schreien: »Erfüllt unsere Forderungen!« Auf einem anderen schlagen Bauarbeiter ein Gebäude kaputt. Ein weiteres zeigt einen Walkout aus einem Callcenter.

Am 14. April schlossen sich Hausbedienstete an, am 15. April versammelten sich Gig-Arbeiterinnen und stellten ebenfalls Lohnforderungen. Der Aufstand weitete sich auf andere Gebiete aus – von Gurgaon über Faridabad bis nach Noida kämpfen Arbeiter. Es ist die größte Streikwelle seit 2014/15. Und anders als damals bleibt sie nicht auf Textil und Auto beschränkt.

In einer ersten Reaktion erklärte die Lokalregierung, den Mindestlohn anzuheben – laut aktuellem Stand aber deutlich unter 35 Prozent. Zudem hat sie »Artikel 163« ausgerufen, ein Versammlungsverbot. Doch die Arbeiter halten sich nicht dran. Nun versucht der Staat die sozialen Medien einzuschränken (u. a. Instagram, wo die Videos ziemlich mobilisierend wirken). Auch das nur mit begrenztem Erfolg. Unternehmensmanager lesen unter Polizeischutz vor Arbeitern vor, welche Verbesserungen und Lohnerhöhungen sie umsetzen werden. Gewerkschaften tun sich gerade schwer, den Frieden wieder herzustellen. Marxistisch-Leninistische Gruppen rufen auf, friedlich zu bleiben und »keine Anarchie zu verbreiten«.

Assembled in India?

Dieser Arbeiteraufstand – vor allem die Forderung nach kürzeren Arbeitszeiten – ist der bisherige Höhepunkt einer global bedeutenden Entwicklung. Denn vor allem Apple versucht seit den Covid-Streiks der Foxconn-Arbeiter in China 2022 immer mehr Teile der Produktion nach Indien zu verlagern und von seiner Strategie »Assembled in China« wegzukommen – mit Unterstützung der US- und der indischen Regierung. Schon 2024/25 wiesen erste Kämpfe und Organisierungserfolge in der indischen Elektronikindustrie daraufhin, dass dies nicht so leicht gehen wird.

Die indischen Arbeiter stellen sich dem »globalen Wettlauf nach unten« radikal entgegen!

 
 
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